Der Iran-Krieg: Gewinner und Verlierer

April 17, 2026

Prognosen im Iran-Krieg

Prognosen sind immer schwierig, aber im Irakkrieg sind sie es speziell. Die amerikanische Politik wird von einem launenhaften, unberechenbaren Präsidenten bestimmt, seine Strategie bleibt nebulös. Die global führende Taktik und Technik der US-Streitkräfte kommen dann zum Einsatz, wenn Trump ungeduldig wird oder nicht weiter weiss. So zu Beginn des Krieges, als inmitten von Verhandlungen eine Bombenkampagne begann, welche in der Tötung des iranischen Staatsoberhauptes gipfelte. Später, als die Gefangennahme eines abgeschossenen US-Offiziers drohte, der unter noch ungeklärten Umständen aber jedenfalls mit monumentalem Materialeinsatz zurückgeholt wurde.

Und doch kann bereits heute eine erste Gewinn-/Verlust-Bilanz aufgestellt, und können erste Schlüsse gezogen werden, wie sich die geopolitische Lage am Golf nach Kriegsende präsentieren wird. Unbesehen davon, wann, wie und ob überhaupt von einem Kriegsende gesprochen werden kann. Ein brüchiger Waffenstillstand und Gespräche in Pakistan ändern daran nichts.

Die USA, globale Supermacht und militärischer Gigant und doch Verlierer

Übermacht, aber Verletzung von Völkerrecht

Mit ihrer erdrückenden Übermacht an Kriegsmaterial sowie der unredlichen Taktik von überraschendem Angriff während laufenden Verhandlungen haben die USA dem angegriffenen Land Iran grosse Schäden zugefügt. Dies zunächst einmal durch zahlreiche Kriegsopfer, darunter eine Mehrzahl von Zivilisten, Frauen und Kindern. Grösste Teile von Luftwaffe, Luftabwehr und Flotte der iranischen Republik sind zudem zerstört. Das Land ist drittens wirtschaftlich weiter geschwächt worden. Angesichts der zum Einsatz gelangten, stark überlegenen Angriffskräfte konnte kein anderes Ergebnis erwartet werden. Allerdings scheint der Iran weiterhin sowohl über ballistische als taktische (Drohnen) Angriffswaffen zu verfügen.

Ob der Krieg legitim und völkerrechtlich legal war, ist eine der bleibenden Grundsatzfragen. Weitherum wird die Ansicht vertreten, dass die USA keine unmittelbare Gefahr für ihre Sicherheit geltend machen konnten und dass der Krieg deswegen völkerrechtlich illegal ist. Die Trump-Regierung behauptet hingegen, dass sie der Gefahr eines imminent drohenden ballistischen Angriffs ausgesetzt war. Ein weiterer schwerwiegender Verstoss gegen das Völkerrecht liegt in der Rhetorik des US-Präsidenten, der am 6. April die Forderung nach einer Öffnung der Strasse von Hormuz mit einem Ultimatum von zwei Tagen unterstrich und andernfalls mit der totalen Vernichtung der iranischen Zivilisation drohte. Dies entsprach der Androhung von Genozid, was bereits als Kriegsverbrechen gilt.

Keine Ziele erreicht

Konkret haben die USA trotz militärischer Übermacht keines ihrer politischen Ziele erreicht. Ein «Regime Change» hat nicht stattgefunden. Die internen Machtstrukturen der effektiv regierenden Revolutionswächter, heute von jüngerem politischem und militärischem Personal geführt, sind gestärkt worden. Während des Krieges sind keine oppositionellen Widerstände gegen das Regime zu erwarten. Das Ziel, das iranische Nuklearpotenzial zu zerstören, ist ebenfalls nicht erkennbar erreicht worden. Schliesslich ist auch die Fähigkeit des Irans, zerstörtes Rüstungsmaterial zu ersetzen, nicht verschwunden.

Klar erkennbar wurde die Verliererrolle der USA im Moment des drohenden Ablaufs des Ultimatums. Für eine umfassende Operation, um die iranische Zivilisation zu zerstören, wäre eine Vorbereitung und ein militärischer Aufwand nötig gewesen, der jede Vorstellungskraft übersteigt. Es genügt, sich daran zu erinnern, dass Iraks Saddam Hussein 1980 Iran mit einer Million Soldaten und einem geringeren Kriegsziel angegriffen, und in acht Kriegsjahren nicht mehr als eine Pattsituation erreicht hatte.

Nachgeben, vor allem von Trump

Man kann sich fragen, ob es die militärischen Berater von Trump waren, die ihm die Unmöglichkeit glaubhaft gemacht haben, oder ob es die gemeinsame politisch-diplomatische Intervention der regionalen Grossmächte Pakistan, Türkei, Ägypten und Saudi-Arabien waren, die mit passenden Argumenten den Waffenstillstand zustande gebracht haben.

Jedenfalls ist es sicher falsch, in der iranischen Zustimmung zur Waffenruhe einen Akt der Unterwerfung unter das amerikanische Ultimatum zu sehen. Wohl hat der Iran auch aus einem Zustand der Erschöpfung Hand dazu geboten; die Unlust mit ihrem Angriff weiterzufahren dürfte aber auch für die USA gelten. Militärisch, weil auch ihre Mittel nicht unbegrenzt sind, was speziell für Kriegsmunition gilt. Politisch, da sich die amerikanische Bevölkerung grossmehrheitlich gegen den Krieg ausspricht und sogar aus Trumps MAGA-Unterstützerkreisen Kritik zu hören ist.

Iran, Sieger oder Verlierer?

Iran ist nach Jahren der wirtschaftlichen Isolation durch umfassende Sanktionen wirtschaftlich stark geschwächt und nun militärisch dramatisch dezimiert worden. Solange das Regime, heute wesentlich durch die Revolutionswächter handelnd, das Land weiterhin unangefochten führen kann, sein Nuklearprogramm nicht aufgeben musste und seine destabilisierenden terroristischen Operationen in der Region weiterführt, steht Iran nicht als Verlierer dar. Mit der Hebelwirkung der Schliessung der Strasse von Hormuz beeinflusst das Land über die weltweite Verknappung von fossilen Rohstoffen zusätzlich die globale Wirtschaft, auch in den USA, die sich trotz Energieautarkie den globalen inflationären Tendenzen nicht entziehen können.

Die Ölstaaten als Verlierer

Das Königreich Saudi-Arabien und die Golfemirate VAE (Vereinigte Arabische Emirate), Katar, Bahrain und Kuwait gehören zu den grössten Energieproduzenten der Welt. Ohne ihren Rohstoff kommt vieles in Asien zum Stillstand. Dass ihre Zukunft durch den Iran-Krieg in Frage gestellt wird, ist für die Weltwirtschaft von grosser Bedeutung.

Der Aufstieg der Ölstaaten

Die arabische Halbinsel mit ihren einzigartigen Vorkommen von Öl und Gas ist seit den 1960er Jahren von einem wenig bedeutenden Anhängsel der arabischen Welt zu einem geopolitischen Machtfaktor mit globaler Bedeutung geworden. Zunächst durch Energielieferung in die gesamte Welt und primär nach Asien. Der daraus resultierende Reichtum führte als nächstes zu gewaltigen Kapitalbewegungen. Auf Geld folgen Menschen, so unzählige Touristen aus aller Welt und Hunderttausende billiger Arbeitskräfte, insbesondere aus Südasien, ohne die am Golf nichts funktionieren würde. Angesichts der damit entstehenden Fata Morgana von Wolkenkratzern in der katarischen Hauptstadt Doha, in der Grossmetropole Dubai/Abu Dhabi und als Letztes auch in Riad geht leicht vergessen, dass solche Traumgebilde ebenso schnell verschwinden können, wie sie entstanden sind.

Der Fall Kuwait

Das Beispiel dafür bildet Kuwait, das erste der Öl-Eldorados der arabischen Halbinsel in den 60er und 70er Jahren. Das Land hat sich vom irakischen Saubannerzug von 1990/91 unter Saddam Hussein, der nicht nur massiven Schaden, sondern auch unendliches Leid anrichtete, bis heute nicht wirklich erholt. Die materiellen Schäden mögen behoben sein, das psychologische Trauma ist geblieben. Der Schreibende hat das vor Ort miterlebt. Und vor allem: Die Perzeption von Sicherheit, garantiert durch den amerikanischen Schutzschild, ist sowohl im Innern wie gegen aussen, beim internationalen Anlagekapital, besteht nicht mehr.

Dasselbe könnte sich nun im weitaus grösseren Maßstab wiederholen. Vergleichsweise wenige iranische Raketen und Drohnen auf strategische Ziele in Katar, den VAE und auch Saudi-Arabien haben gezeigt, dass die Sicherheit dieser Staaten trotz grossem Aufwand mit eigenen Waffen und massivem Einsatz modernster US Kriegstechnik relativ ist. Damit ist die Perzeption des Golfs als friedliche Insel im notorisch unruhigen, nahöstlichen Umfeld dahin.

Erst ein Anfang

Wohl nicht zufällig haben sich die iranischen Angriffe auf überlebenswichtige Infrastruktur — Ölförderung für den Wohlstand, Wasseraufbereitung für das physische Überleben — bislang auf Kuwait und Bahrain konzentriert. Dies, um den wirtschaftlichen Schwergewichten auf der anderen Seite des Golfs zu zeigen, was gegen sie möglich wäre. Der iranische Schlag gegen die katarische LNG-Anlage Ras Laffan im vergangenen März erscheint nur scheinbar als Ausnahme. Das Gas, das dort für den Transport verflüssigt wird, stammt aus einem von Iran und Katar gemeinsam ausgebeuteten Gasfeld; Teheran hat sich so die alleinige Kommerzialisierung eines der weltweit grössten Erdgasvorkommens gesichert.

Rückzug

In den Medien tauchen erste Berichte auf, dass ausländisches Privatkapital und Investoren aus dem Golf in andere einschlägige Häfen wechseln, so etwa nach Hongkong, Singapur und die Schweiz. Anderes Kapital, auch jenes von Einheimischen, dürfte noch abwarten, aber auch da ist eine Absetzbewegung voraussehbar. Phantasieprojekte, wie sie aus Saudi-Arabien bekannt sind und die bereits vor Kriegsausbruch zurückgefahren wurden, dürften fallengelassen werden, weil gerade Riad seine letztlich doch begrenzten Mittel in verstärkte Aufrüstung stecken wird, bis hin zur atomaren Aufrüstung — etwa mit Hilfe von Pakistan — nachdem dieser Krieg gezeigt hat, dass auch amerikanische Rückversicherung nicht absolut gilt. Wie um das noch zu unterstreichen, hat die Trump-Regierung bislang keinen neuen Botschafter nach Riad entsandt. Ebenso nicht nach Doha und Kuwait-City.

Auch der Iran wird wohl sein Nuklearpotential nun im Schnellzugstempo ausbauen. Aus einer anderen Weltgegend lässt der nuklearbewaffnete Nordkoreaner Kim grüssen, den Trump bekanntlich nicht wie Maduro oder Khamenei «entfernt», sondern als Kumpel begrüsst hatte.

Trübe Aussichten für den Golf

Mit dem Irakkrieg dürfte eine bisherige Annahme der Märkte gestorben sein. Jene, dass der Golf immer weiter wachsen, und seine Sicherheit durch verschiedene Interessen garantiert wird. Diese Perzeption hat sich ins Gegenteil verkehrt und läuft nun wieder parallel zur geopolitischen Realität, die besagt, dass die Grossregion inhärent instabil ist, wie ein Blick zurück auf Irak und Syrien beweist. Auch bei einer im Moment nicht absehbaren Änderung im Iran wird dies in Zukunft so bleiben. Nicht zuletzt, weil Israel weiterhin auf forever war als die beste eigene Sicherheitspolitik setzt. Wie der Irankrieg zeigt, wurde die Fata Morgana am Golf auf Sand gebaut.