Die Arabische Halbinsel: Westasiatische Tiger?
Die sogenannten Tigerstaaten am asiatischen Ostrand legten eine Grundlage für das laufende, oft bereits als ‘Asiatisches Jahrhundert’ bezeichnete Zeitalter. Lässt sich heute ähnliches sagen über die arabischen Staaten am westlichen Rand Asiens?
Bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Begriff ‘Asian Tigers’ für Südkorea, Hongkong, Taiwan und Singapur ein wohlbekannter Begriff für schnelles Wachstum auf der Basis vom Staat gelenkter, ideologiefreier Wirtschaftspolitik. Heute sind es die Ölscheichtümer im Herzen Arabiens, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate VAE und Katar, welche im Schnellzugstempo zu wirtschaftlichem, finanziellem und damit auch einem gewissen politischen Gewicht vorpreschen. Werden wir im geschichtlichen Rückblick eine zweite Reihe von Wachstumstreibern sehen, diesmal aus Westasien?
Erstaunliche Parallelen zwischen Ost- und Westasien bestehen, aber die Unterschiede überwiegen. Ost- und Südostasien stehen heute auf solidem Wirtschaftsgrund und sind leidlich funktionierende Demokratien, der Reichtum der arabischen, ausschließlich autokratisch regierten Halbinsel ist letztlich auf Sand gebaut.
Die Tiger heute
Gemeinsamkeiten zwischen den ehemaligen ‘Tigern’ lassen sich heute kaum noch ausmachen. Südkoreas Wirtschaftswunder ist Tatsache. Geopolitisch besteht allerdings mit dem nuklearbewaffneten Nordkorea und dessen chinesischen Schutzherren eine unmittelbare Bedrohung von aussen, welche im Innern Südkoreas zu einer tiefen Spaltung geführt hat. Einer eher kooperationswilligen Linken steht eine auf Konfrontation gegen Norden eingeschworene rechte Seite gegenüber.
Hong Kong, eingeschlossen seine Wirtschaft, ist heute de facto ein Teil Chinas. Taiwan droht dies mit Blick auf chinesische Aggression zu werden, womit seine blühende Wirtschaft ebenso wie seine lebendige Demokratie Beijing untergeordnet würde. Singapur und sein Wirtschaftsmodell ist zum Vorbild seiner ebenfalls rasch wachsenden Nachbarn in der ASEAN geworden, auf welche im Moment allerdings der Grosskonflikt zwischen den USA und China sicherheitspolitische Schatten wirft.
Indonesien und Saudi-Arabien
Zu diesen Nachbarn gehören Indonesien, mit Saudi-Arabien zu vergleichen, sowie Malaysia, ursprünglich wie die VAE ein Zusammenschluss muslimischer Kleinstaaten. Dem Stadtstaat Katar bleibt damit die Rolle des westasiatischen Singapurs. Ähnlichkeiten bestehen.
Wie Saudi-Arabien lebt Indonesien von der Nutzung seiner natürlichen Ressourcen und will mit einem Jahrhundertprojekt das Land zu einem grossen Sprung nach vorne bewegen. Was für Riad das aus der Wüste zu entstehende Retortenland ‘Neom’ bedeutet, ist für Jakarta die aus dem Dschungel Borneos auferstehende neue Hauptstadt Nusantara samt industriellem Umfeld, alles in ‘grünem’, umweltschonendem Kleid. Beide Länder sind muslimische Kernlande; das indonesische Selbstvertrauen glaubt aber, dass sein biegsamer Islam dem starren Wahhabismus der Saudis überlegen und damit zukunftstauglicher sei.
Malaysia und die Emirate
Malaysias wirtschaftlicher Fortschritt, wie jener der Emirate, wird durch Öl und Gas unterfüttert. Die Hauptstadt Kuala Lumpur, K.L., bietet sich traditionell, was seit einiger Zeit auch für Dubai zutrifft, als Zentrum von wirtschaftlichen Tätigkeiten aller Art an, unbesehen von deren Natur. Womit auch illegale Geschäfte sowie Korruption Teil der urbanen Landschaft sind.
Noch vor den verschiedenen, himmelstürmenden ‘Burj’ von Dubai hielt K.L. mit den ‘Petronas’ Zwillingstürmen den Rekord für das weltweit höchste Gebäude. Die grosse chinesisch-stämmige Minderheit in Malaysia bildet traditionell das Schwungrad, welches die Wirtschaft antreibt, bleibt aber in rechtlicher und gesellschaftlicher Hinsicht gegenüber den malayischen Bumiputras benachteiligt. In noch ausgeprägterem Masse bilden südasiatische Gastarbeiter, vor allem Inder, die Basis der Wirtschaft der Emirate. Unbesehen wie lange sie schon am Golf weilen, bleiben ihnen durch restriktive Nationalitätsgesetze die üppigen Leistungen des Staates für seine vollberechtigten Bürger verwehrt.
Singapur und Katar
Singapur hat sich seit seiner Unabhängigkeit auf spezifische Standortvorteile eines Kleinstaates konzentriert. Das reicht von der Sicherheit eines überschaubaren und damit kontrollierbaren Territoriums bis hin zum Ausfüllen globaler Marktnischen, so einem der weltgrössten Zentren für die Lagerung von Flüssigkeiten jeder Art, und heute immer mehr auch von Datenspeicherung. Katar profiliert sich bekanntlich als Zentrum politischer Vermittlung und Austragungsort von Grossereignissen, etwa im Sport. Ebenso als Grossbesitzer bekannter Fussballklubs, was ja auch für die Emirate zutrifft.
Demokratie als Unterschied
In den indochinesischen ASEAN-Staaten finden regelmässig Wahlen statt, die zwar nicht mit westlichen Pendants verglichen werden können, aber doch grundsätzlich den Volkswillen ausdrücken. In Singapur wurde kürzlich gewählt; die langjährige Alleinherrschaft der Staatspartei PAP wurde etwas gegen die Erwartungen bestätigt, weil eine Mehrheit dort ihren sauer erkämpften, relativen Wohlstand nicht einem politischen Wechsel opfern wollte. Der indonesische Präsident Subianto und seine Partei gewannen die Wahlen 2024 souverän, weil eine Mehrheit im Lande mit der Politik seines Vorgängers zufrieden war – und der Sohn des ehemaligen Präsidenten als Subiantos Vizepräsident kandidierte. Der letzte Premierminister von Malaysia, Najib Razak, wurde 2018 abgewählt und sitzt heute im Gefängnis, weil eine Mehrheit im Lande seiner grenzenlosen Korruption und Vetternwirtschaft überdrüssig war.
Undenkbar etwa in Saudi-Arabien, wo der herrschende Clan der Al-Saud das Land seit langem unter einer Daunendecke staatlicher Wohlfahrt politisch erstickt, im Gegenzug zu unanfechtbarer Macht und grenzenloser Willkür. Man erinnert sich etwa an die Erpressung reicher Saudis 2018 durch ihren Kronprinzen, Mohammed bin Salman, als unter dem Vorwand von Korruptionsbekämpfung ein massiver Reichtums- und damit auch Machttransfer zugunsten der Al Saud erzwungen wurde.
In den VAE waren und sind Wahlen überhaupt kein Thema, in Katar wurden vor Jahren bescheidene Gemeindewahlen eingeführt, deren demokratische Wirkung auf die Politik der herrschenden Familie der Al Thani allerdings nicht existiert. Der Schreibende erlebte hautnah mit, wie anlässlich der ersten solcher Wahlen in den frühen 2000er Jahren unter Teilnahme auch der Frauen, diese im Wahlkampf buchstäblich unsichtbar blieben, weil verschleiert.
Saudi-Arabien und Israel
Nun besteht natürlich auch im Königreich der Al Saud eine ‘öffentliche Strasse’, deren Meinung die Herrschenden nicht einfach ignorieren können. Das grosse, aktuelle Beispiel stellt das Bemühen der US-Regierung unter Trump dar, saudisches Geld mit israelischer Innovation und Technologie im Rahmen eines ‘Deals’ zu vereinen. Der Kronprinz und seine unmittelbare Gefolgschaft möchten gerne, können aber nicht, weil dies unter dem saudischen Volk angesichts des grässlichen Geschehens in Gaza gegenüber den palästinensischen Glaubensbrüdern zur Revolte gegen die eigene Regierung führen könnte.
Aktuell interessant, dass führende Experten für die Region hier nur eine Möglichkeit sehen, wie ein solcher ‘Deal’ allenfalls stattfinden könnte: Trump müsste Netanjahu opfern, was im Lichte eines kurzzeitigen Separatfriedens von Trump mit den Huthi ohne Rücksicht auf das von den jemenitischen Rebellen weiterhin beschossene Israel nicht ausgeschlossen erscheint.
Arabien setzt auf die USA von Trump
Noch vor der ersten Auslandsreise von Präsident Trump seit seiner Wahl, die ihn auf die arabische Halbinsel führte, hatten bereits zwei aktuelle Beispiele gezeigt, dass Arabien auf eine politische und wirtschaftliche Zukunft setzt, wie sie von den USA unter Trump repräsentiert wird.
In Doha hat ein Trump-Sohn einen familientypischen property deal unterzeichnet, mit dem in Katar von einer saudischen Firma ein erstes Luxus-Projekt, natürlich mit Golfplätzen, aus dem Wüstensand gestampft werden soll. Wohl als Prototyp für künftige solche Vorhaben im Rahmen des erwähnten Riesenprojektes Neom in Saudi-Arabien.
Die via Staatsfond von Abu Dhabi, dem reichsten der VAE Emirate, wohldotierte KI-Firma G42 hat eben eine grössere Investition in den USA bekannt gegeben. Dies als erste Folge eines Treffens von Trump mit einem Mitglied der Al Nahyan-Familie, dem mächtigsten Prinzen-Klan der VAE, wo Milliarden Investitionen in den USA angekündigt wurden.
Dubai, das internationalste der VAE-Emirate, will sich um jeden Preis als globales Finanz- und Handelszentrum etablieren, unbesehen aller rechtlichen und letztlich auch ethischen Schranken. So ziehen im Moment einige grosse Family Offices, also private Vermögensverwalter, aus der Schweiz weg, nicht nach Singapur – wo ein grosser Geldwäscher kürzlich im Gefängnis gelandet ist – sondern nach Dubai, weil, wie deren Anwalt dort offen erklärte, hier kaum staatliche Überwachung bestehe.
Sollte die von Trump vorgelebte Geschäftsmoral, frei von allen rechtlichen und ethischen Gesichtspunkten jeden möglichen Gewinn anzustreben, doch einmal zu Ende kommen, mit allen entsprechenden Auswirkungen auf der globalen Bühne wie Sperren und Boykotte, könnte es mit der Goldgräber Mentalität in Dubai schnell vorbei sein. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, dass der Konflikt zwischen dem Iran und Israel den gesamten arabischen Golf lahmlegt.
Der ASEAN ist Trump nicht geheuer
Anders die drei hier zur Diskussion stehenden südostasiatischen Länder. Sie hatten bislang von der Pax Americana im Grossraum Indo-Pazifik profitiert. Am klarsten Singapur, das stillschweigend, aber mit seiner sprichwörtlichen Effizienz mittels tiefseetauglichen – also auch für Flugzeugträger geeigneten – Hafenanlagen über die letzten Jahrzehnte weg zu einem defacto Stützpunkt der US-Marine geworden war.
Auf die mit Trump nun aufziehende Unsicherheit, wie, wo und wie weit die USA in Zukunft bereit sein werden, chinesischer Aggression in Südostasien militärisch entgegenzutreten, haben sie bereits mit hedging their bets, also einer Rückversicherung, anderswo reagiert, zunächst rhetorisch, aber immer klarer auch sicherheitspolitisch. Am weitesten geht hier Malaysia, dessen Premierminister Anwar Ibrahim sich nicht scheut, die amerikanische Unterstützung von Israel mit heftigen Worten anzuprangern. K.L. profiliert sich als Hauptunterstützer der Palästinenser, was Anwar in seinem immer stärker von konservativem Islam geprägten Land politisch zugutekommt.
Ohne ein so hohes Profil zu suchen, aber in der Sache klar, geht auch der indonesische Präsident Subianto vor: eine klare Annäherung an China mit der Abmachung über gemeinsame Nutzung von Bodenschätzen und sogar gemeinsamen Militärmanövern mit Russland, um Washington zu zeigen, dass Indonesien auch über Alternativen verfügt. Der wie erwähnt komfortabel gewählte Premierminister von Singapur, Lawrence Wong, hat im Wahlkampf die durch Trump verursachte gegenwärtige (Un)sicherheitspolitik und das Chaos in der Weltwirtschaft mit klaren Worten verurteilt. Sein Wahlerfolg dürfte damit, unter anderen Ursachen, mit dem negativen Trump Effekt erklärbar sein, von dem in den Wahlen Anthony Albanese in Australien und Mark Carney in Kanada profitiert haben.
Globale Aufstellung
Hinter dem Buchstabensalat CPTPP, der Comprehensive and Progressive Trans-Pacific Partnership – der namentlich Japan, Australien, Grossbritannien, Mexiko, Chile und die wichtigsten ASEAN-Länder angehören, darunter auch das bald beitretende Indonesien – verbirgt sich ein Freihandelsvertrag, dem im Welthandel zukünftig zentrale Bedeutung zukommen könnte; dies, weil auch die von Trump verunsicherte EU sich diesem Verbund annähern will, womit ein ansehnlicher und kaufkräftiger Teil der Weltgemeinschaft unter einem Freihandelsdach vereint wären. Wenn schon die Welthandelsorganisation WTO auch und gerade von Trump blockiert wird, dann erscheint eine solche, quasi globale Struktur als attraktives Auffangbecken.
Die CPTPP symbolisiert damit die Bereitschaft der hier diskutierten drei Länder Ostasiens, sich mit Blick auf die lange Dauer und breit als Welthandelsnationen aufzustellen. Dies im Gegensatz zu den dargestellten arabischen Ölländern, die sich auf der Suche nach dem schnellen Profit wirtschaftlichen und politischen Konjunkturzyklen schutzlos ausliefern.
Picture: nelson ebelt