Der Iran-Krieg: geopolitische Folgen in Asien

April 22, 2026

Asien bezieht einen grossen Teil seiner Energie, ebenso Rohmaterialien wie Dünger für seine Lebensmittelproduktion aus dem Golf. Wirtschaftlich wird der wichtigste Erdteil dieses Jahrhunderts flächendeckend hart getroffen vom Iran-Krieg, geopolitisch können indes bereits Gewinner und Verlierer ausgemacht werden.

China

Beijing gehört zu den geopolitischen Gewinnern des Iran-Krieges. Es erscheint neben den USA unter Trump als gemässigte, auf eine regelbasierte Weltordnung fokussierte Supermacht. Symbolisiert wird das von der Spitze her. Während selbst in Washington führende Politiker und Kommentatoren Trump als ‘geisteskrank’ bezeichnen, gibt sich Xi Jinping als auf globale Wohlfahrt bedachter Staatsmann, an dem man sich im Gegensatz zu ‘King Donald’ gefahrlos anlehnen kann. Auch wenn dies bei genauerem Hinschauen keineswegs der Fall ist, stösst das in Asien auf ein gewisses Echo auch und gerade bei der durch Trumps erratische Politik tief verunsicherten, bisherigen amerikanischen Klientschaft. Paradebeispiel sind die Philippinen, wo Präsident Marcos jun. trotz weiterhin bestehender Grenzprobleme sich gegenüber Beijing neu zuvorkommender zeigt.

Wolf im Schafspelz

Wirklich geändert an Chinas rücksichtsloser Aussen- und Aussenwirtschaftspolitik hat sich ja in Tat und Wahrheit nichts, eher im Gegenteil. Im Windschatten der amerikanisch-israelischen Kriege im Iran, im Libanon und auch in Gaza hat Beijing seit einiger Zeit in Form des Chinaschocks 2.0 zum grossen Schlag gegen westliche Produktion von technologisch fortgeschrittenen Industriegütern ausgeholt. Dies vor dem Hintergrund ungelöster, gravierender Wirtschaftsprobleme. Dazu zählen die Immobilienkrise und der Bevölkerungsschwund, der den ohnehin ungenügenden Binnenkonsum weiter bremst. Dagegen setzt Beijing überbordende Exportsubsidien ein. Diese sind als geopolitische Waffe zu bezeichnen. Laut Präsident Macron geht es um nichts weniger als Leben und Tod westlicher Industrieproduktion. Beim Schock 2.0 spielt auch chinesische Eigenentwicklung eine gewisse Rolle, allenfalls gefördert von Datenklau durch Rückkehrer und Studenten im westlichen Ausland. Die Zahlen sind aber zu hoch für lediglich autochthones Wachstum: In den 20 Jahren bis 2025 haben sich die chinesischen Anteile am Weltmarkt der wichtigsten Industriezweige von unter fünf auf rund 30 Prozent erhöht.

Gewalt im Innern und gegen Aussen

Zwei Indikatoren von Xi’s weiterhin ungezügelter Machtpolitik sind die Unterdrückung der muslimischen Uiguren im eigenen Land und die Drohung, Taiwan ‘heim ins Reich’ zu holen.

Die Zwangsassimilierung der Uiguren in die chinesische Han-Kultur ist mit Hilfe von allerlei KI-Instrumenten verfeinert worden und schreitet, im Schatten von Informationsblockaden in der Provinz Xinjiang, ungehindert fort. Als Nächstes werden die mongolischen Stämme in der autonomen Provinz Innere Mongolei an der Reihe sein. Xi duldet weder im engsten Umkreis, dem Politbüro, noch in den entferntesten Provinzen seines Riesenreichs irgendwelche Regungen von Unabhängigkeit von ihm, dem neuen Mao.

Anlässlich eines törichten Schmeichelbesuches aus der taiwanesischen Opposition hat Xi kürzlich einmal mehr die baldige Wiedervereinigung betont. Ein Titel in der Financial Times fasst den Zusammenhang mit dem Iran-Krieg kurz und treffend zusammen: Shutting Hormuz is a template for China in Taiwan. Teheran hat tatsächlich in der Strasse von Hormus gezeigt, dass mit einigen wenigen Drohnen und Raketen eine Meerenge — in Ostasien die Strasse von Formosa — so unsicher gemacht werden kann, dass selbst die USA dagegen über kein Mittel zur raschen und bedingungslosen Durchfahrt verfügen.

Japan und Korea

Japan wäre von einem chinesischen Ausgriff auf Taiwan sehr direkt betroffen. Daher auch eine der ersten klaren Aussagen der neuen Premierministerin Sanae Takaichi nach ihrer Amtsübernahme, dass ihr Land ein chinesisches Vorgehen gegenüber Taiwan nicht hinnehmen würde.

Mit Blick auf die Stationierung von US-Truppen im eigenen Land droht für Japan und Korea ein sicherheitspolitischer GAU vor dem Hintergrund eines Superdeals von Trump mit Xi, wonach sich die beiden Autokraten auf jeweils ihre eigene Sphäre beschränken werden. Damit würde die bislang dominante Pax Americana im gesamten Indo-Pazifik ins Rutschen geraten. Unmittelbarer ist die bereits deutlich werdende Gefahr, dass die USA wegen anderweitigen Händeln sowohl ihre Präsenz im Westpazifik als auch ihre Vorräte an Kriegsmaterial verdünnen, was den Strategen in Beijing nicht verborgen bleibt. Natürlich ebenso wenig jenen in Tokio, Seoul und auch in Australien, wo Überlegungen im Gange sind, sich regionaler und selbstständiger zu verteidigen. Dazu gehören schnelle Aufrüstung (Japan), Sicherheitspartnerschaften mit Dritten und als ultima ratio nukleare Bewaffnung.

Südasien: Indien und Pakistan

Geopolitisch hat sich die Lage durch den Iran-Krieg für diese zwei «ewigen» Konfliktparteien und regionalen Rivalen markant in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Während Indiens geopolitische Annäherung an die USA, im Jahr 2000 von US-Präsident Clinton weitsichtig angeboten und kurzzeitig von Premierminister Modi als «special relationship» mit Trumps Amerika zelebriert, mit der arbiträren Zollpolitik von Trump einen schockartigen Unterbruch erlitten hat, ist es Pakistan gelungen, seine zaghaften Annäherungsversuche an die USA und weg von chinesischem Einfluss zu verstetigen. Das Land profitiert von der geografischen Logik, nahe an Westasien zu liegen, ohne jedoch zur historischen Konfliktregion «Nahost» zu gehören. Als weltweit zweitgrösste muslimische Nation nach Indonesien hat Pakistan zudem einen quasi «natürlichen» Zugang zur Region, deren Konfliktmaterie politisch bekanntlich auch über Ansprüche des Islams definiert wird.

Schutzmacht Pakistan

Ein eher zufälliger glücklicher Umstand ist Pakistans Schutzmachtmandat für den Iran. Das Land vertritt also den Iran in Washington, die Schweiz hingegen die USA in Teheran. Dieser diplomatische Kanal war ein entscheidender Ausgangspunkt für Pakistans neue Rolle als Vermittler im Nahostkonflikt. Man darf mit Gewissheit annehmen, dass geheime Signale zwischen Washington und Teheran auf diesem Kanal übermittelt werden. Im Nachhinein als weitsichtig darf man die clevere Schmeichelaktion des pakistanischen Armeechefs Feldmarschall Munir betrachten, der bei seinem «high profile»-Besuch in Washington vor einem halben Jahr publikumswirksam Trump für den Friedensnobelpreis empfohlen hatte. Während Munir Trumps Behauptung wortreich bestätigte, der damals zwischen Indien und Pakistan kurzzeitig militärisch eskalierte Dauerkonflikt sei durch einen von den USA vermittelten Waffenstillstand gestoppt worden, hat der indische Premierminister jede auswärtige Einmischung abgestritten. Damit hat sich Modi mit Indien gegenüber Trump ins politisch-diplomatische Abseits manövriert. Pakistan hingegen feiert sich als prominenter Vermittler zwischen Iran und den USA. Das Land darf damit rechnen, in kommenden Detailregelungen über gezielte Lockerungen der Hormus-Blockade sowohl von den USA wie auch von Iran mit Vorzugsbedingungen bedacht zu werden. Indien, hingegen, bevölkerungsmässig fünfmal so gross wie sein Erzrivale und überdies mit einem muslimischen Bevölkerungsanteil, der fast Pakistans Gesamtbevölkerung entspricht, bleibt an der Seitenlinie der Konfliktregion stehen und gehört in der empfindlichen direkten Konfrontation mit Pakistan zu den Verlierern des Iran-Krieges.

Die ASEAN

Die in der ASEAN (Association of South East Asian Nations) organisierten Mittelmächte und kleineren Staaten Südostasiens gehören zu den Verlierern. Für sie sind funktionierende Weltmärkte überlebenswichtig; geopolitisch saßen sie bislang mehr oder weniger klar auf dem Zaun zwischen Wirtschaftskraft des durchaus ungeliebten Hegemons China einerseits und der wenig eigenen Aufwand erlaubenden sicherheitspolitischen Pax Americana. Sie werden aufrüsten und gleichzeitig versuchen, chinesischer Umarmung entgegenzukommen, aber nicht allzu nahe.

Wirtschaftlich gehen die Bemühungen zur Bewältigung von Energie- und allgemeinen Wirtschaftskrisen, ausgelöst vom Iran-Krieg, von einer 4-Tage-Woche für Staatsangestellte — damit weniger Luftkühlung von Verwaltungsgebäuden — bis hin zu Vorbereitungen in Singapur zur nuklearen Energieerzeugung.

Vietnam, als Paradebeispiel einer regionalen ‘nicht-chinesischen’ Wirtschaftsmacht in Asien wird seinen stürmischen Aufschwung weiterführen. Unter dem intern eben als unangefochtene Nummer 1 bestätigten To Lam, Kommunist, aber auch kapitalismusfreundlicher Wirtschaftsmanager.

Für Asien, mit Ausnahme von China und aktuell Pakistan, bleibt kurzfristig die Hoffnung, dass die kommenden Midterm-Wahlen in den USA den Anfang vom Ende des trumpschen Spuks bedeuten. Längerfristig wird es aber auch dann keine Rückkehr zum Status quo ante geben. Der Iran-Krieg und seine Folgen werden für Asien einen weiteren Schritt weg von der nach 1945 geschaffenen regionalen Ordnung bedeuten.